Die Nonna folgte ihm ein paar Jahre später und arbeitete unter anderem bei Sulzer. Den Grossvater lernte Aina nie kennen: Er verstarb bei einem schweren Autounfall. Die Nonna zog daraufhin ihre beiden Söhne alleine gross.
Ainas Vater studierte Jus und eröffnete die erste Secondo-Anwaltskanzlei in Winterthur. Mütterlicherseits sind die Grosseltern mit spanischen und katalanischen Wurzeln als migrantische Arbeitskräfte in die Schweiz gekommen. Die Geschichten der Eltern und Grosseltern versteht Aina als Archive. «Was für die Generation meiner Eltern sehr typisch ist, ist, dass sie halt Macher sind», sagt sie stolz.
Geschichte als Tanz
Schon früh habe sich Aina für politische und historische Fragen interessiert. «Durch meine Heimatländer habe ich sehr früh gelernt, was Faschismus ist oder was der spanische Bürgerkrieg bedeutet hat», erzählt sie. Ihr Vater habe ein grosses Archiv mit Büchern und Zeitungsartikeln zu geschichtlichen Themen. Dieses Archiv ist heute eine wichtige Materialquelle für Ainas künstlerische Arbeit.
Zurzeit wird die Künstlerin über ein Programm der Zürcher Hochschule der Künste gefördert, das junge Kulturschaffende beim Übergang in die professionelle Praxis unterstützt und ihnen bei der Weiterentwicklung ihrer Werke hilft. Im Rahmen des Förderjahres recherchiert Aina zu Erinnerungsarbeit und Pluralität. Dabei entstehen Performances zu Mehrfachzugehörigkeit und Mehrsprachigkeit.
Eine dieser Performances findet kommende Woche am Oberen Graben statt. Der Ort ist eng mit Ainas Familiengeschichte verbunden: Hier betrieb der Grossvater einst seinen Coiffeursalon. Genau dort wird Aina die Geschichte der italienischen Arbeitsmigrant:innen in Form einer Tanzaufführung erzählen. «Damit diese nie vergessen wird», sagt sie.
Migration auf die Bühne bringen
Die Idee zu der Tanzperformance sei beim Blick auf die Gegenwart entstanden. «Migrant:innen haben Winterthur wortwörtlich gebaut. Momentan wird in der Stadt wieder viel gebaut», erzählt Aina. Auf den zahlreichen Baustellen würden viele Menschen mit Migrationsgeschichte arbeiten, sagt die Künstlerin. Die Schweiz profitiere seit über 100 Jahren von migrantischen Arbeitskräften, aber im öffentlichen Diskurs werde nach wie vor Rassismus toleriert. Das mache sie wütend.
«Die italienischen Kinder wurden damals bespuckt und verprügelt. Und jetzt sind wir die Lieblingsausländer.» Italien werde romantisiert und «jeder möchte plötzlich einen italienischen Sommer haben», sagt Aina. Umso wichtiger sei es, dass sich die Gemeinschaft heute für migrantische und marginalisierte Gruppen einsetze, findet sie.
«Natürlich kann man sagen: Was hilft es den Menschen, wenn du jetzt eine Lecture-Performance dazu machst? Aber das Spezielle bei Tanz oder bei Kunst und Performance ist, dass die Menschen aufmerksam sind. Sie erleben das. Es ist eine unmittelbare Art, Wissen zu erfahren und wahrzunehmen», erklärt die Künstlerin.
Was von der Nonna bleibt
Im neuen Atelier sollen weitere solche Projekte entstehen. Dort befinden sich auch einige Spuren der eigenen Familiengeschichte. Aina hat Gegenstände der Nonna aufbewahrt: ein Bild aus ihrem Wohnzimmer, eine Karte des sizilianischen Dorfes, wo sie aufgewachsen ist, und weitere Erinnerungsstücke.