Auf der Spur des Generationengrabens
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#196 | 9.2.2026 | Online lesen | Unterstützen

WNTI Wintibrief

Marit Langschwager

Guten Morgen Winti!

Am «Grossen Podium der Generationen» ist das Coalmine brechend voll. Bei der ersten von insgesamt vier Podiumsdiskussionen haben WNTI und Stadtfilter den jüngsten beziehungsweise ältesten Stadtparlamentskandidierenden verschiedener Parteien eine Stimme gegeben. Unsere Redaktorin Gioia Jöhri über einen Abend, bei dem Meinungen aufeinander prallen und Brücken entstehen.

Von links bis rechts: Moderator Tizian Schöni, Cyrill Kammerlander (Mitte), Gabi Stritt (SP), Julius Praetorius (Grüne), Elmonda Bajraliu (FDP), Felix Helg (FDP), Nicole Holderegger (GLP) und Tim Kramer (SVP). (Bild: Nick Eichmann)

Bereits als Moderator Tizian Schöni alle eingeladenen Stadtparlaments-Kandidierenden auf die Bühne bittet, gibt es die ersten Lacher im Publikum. «Die Jungen stehen hier und die Alten, äh Reiferen da», erklärt Schöni und fügt schmunzelnd an: «Heute kann ich ja nur ins Fettnäpfchen treten.» Warum ist es eigentlich unhöflich, jemanden als «alt» zu bezeichnen? Gabi Stritt (65) von der SP sitzt bereits seit elf Jahren im Stadtparlament und sieht den Generationengraben vor allem in der «Altersdiskriminierung». «Ich sehe in den Medien häufig negativ gezeichnete Bilder vom Alter. Dabei gibt es nicht ‹die Alten›, wir sind genauso divers wie alle anderen Altersgruppen», sagt sie.

Tizian Schöni fragt nach konkreten Themen, die Spaltungspotenzial haben und kommt auf die 13. AHV-Rente. Cyrill Kammerlander (30), der sich in der Mitte-Partei engagiert, hält die 13. AHV für unsozial: «Es hätte nicht sein müssen, dass alle nach dem Giesskannenprinzip gleich viel erhalten.» Gabi Stritt findet es trotzdem richtig, dass viele Junge der Vorlage zugestimmt haben. «Schliesslich stimmen wir Älteren auch für Anliegen der jungen Generation, beispielsweise für den Vaterschaftsurlaub», sagt sie. Einen sachpolitischen Generationengraben sehen die Podiumsteilnehmenden jedoch nicht. «Nein», findet auch Tim Kramer (24) von der SVP: «Ich erlebe das nicht so und glaube, dass parteiliche Überzeugungen wichtiger sind als Alter oder Geschlecht.»

Weil es auf der kleinen Bühne doch recht eng ist, werden die Kandidierenden in kleinere Gruppen aufgeteilt. Nicole Holderegger (51) von der GLP, Julius Praetorius (25) von den Grünen, Elmonda Bajraliu (25), FDP-Politikerin und ihr Parteikollege Felix Helg (60) diskutieren über Jugendkriminalität. GLP-Politikerin Nicole Holderegger ist seit 2022 im Stadtparlament und setzt sich dafür ein, dass im Jugendstrafrecht weniger Gefängnisstrafen verhängt werden. Dass die Jugendkriminalität in den letzten Jahren gestiegen ist, weiss sie auch aus beruflicher Erfahrung. Sie ist stellvertretende Oberjugendstaatsanwältin im Kanton Zürich.

Auf die Frage nach den Gründen für die Zunahme von Jugendstraffällen will sie sich nicht festlegen und meint: «Jeder Fall ist individuell und multifaktoriell.» Julius Praetorius und Elmonda Bajraliu sehen einen Grund aber in der Corona-Pandemie, die sie beide als junge Menschen erlebt haben. Praetorius meint: «Soziale Räume, die sich in den digitalen Raum verlagern, fördern Radikalisierung.» Und Bajraliu fügt hinzu, dass Corona auch die Chancen der Jungen in der Berufswelt negativ beeinflusst hat: «Auf Bewerbungen antworten mittlerweile drei Viertel der Unternehmen nicht einmal mehr.»

Hättest du diesen Winterthurer erkannt? Im Winti-Wissen-Quiz zeigt sich, dass es weder Jung noch Alt auf Anhieb wissen. (Bild: Nick Eichmann)

Auf diese ernsten Themen folgt nun ein auflockerndes Quiz, das das Winti-Wissen von alten und jungen Kandidierenden des Stadtparlaments testen will. So viel vorneweg: In allen Altersgruppen gäbe es noch Verbesserungspotenzial. «Etzt chömeds denn go s Trottoir ufeklappe.» Dass es sich dabei um die Arbeiter-Sperrstunde, die die Polizei durchzusetzen hatte, handelte, wussten die Jungen generationsbedingt nicht. Die Älteren glänzten nicht dabei, einen ehemaligen Stadtpräsidenten von Winterthur zu erkennen. Erst nach ungläubigen Rufen aus dem Publikum kam die zögernde Antwort: Ernst Wohlwend, Stapi von 2002 bis 2012.

Nun bittet Moderator Tizian Schöni alle Kandidierenden auf die Bühne, die neu ins Stadtparlament wollen. Haben sie als junge Personen überhaupt eine Chance, gewählt zu werden? Tim Kramer ist auf der SVP-Liste auf Platz eins, seine Wahl gilt deshalb als sicher. Wie kommt es, dass er als Junger so weit vorne platziert wurde? «Ich habe viel für die Partei gebüezt», sagt er. Und was würde er als Stadtparlamentarier als Erstes fordern? «Eine Bushaltestelle in Stadel und den Abbau der Schulden», meint er. Elmonda Bajraliu steht auf der FDP-Liste auf Platz 13, vor vier Jahren war es noch Platz 29.

Trotzdem sind Parlamentswahlen Parteienwahlen. Wer also nicht auf den vorderen Listenplätzen steht, wird selten gewählt. Auch Elmonda Bajraliu würde sich für mehr Finanzverantwortung einsetzen, falls sie gewählt wird. Und weshalb hat es bei der Mitte-Partei keine Jungen vorne? Cyrill Kammerlander meint dazu: «Das ausgeglichene Verhältnis von Frauen und Männern ist wichtiger. Und auch da gibt es in der Mitte-Partei noch Verbesserungspotenzial.»

Alle Jungen, die neu ins Stadtparlament wollen. (Bild: Nick Eichmann)

Zum Abschluss des Podiums macht sich Nicole Holderegger für ein Stimmrechtsalter von 16 Jahren stark. Felix Helg widerspricht ihr und plädiert weiterhin für eine Altersgrenze von 18 Jahren. Beide erhalten Applaus vom Publikum. In der anschliessenden Fragerunde möchte das Publikum wissen, was für Kinder getan werden sollte, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen. Die SP-Vertreterin fordert mehr Frühförderung, während die Bürgerlichen sagen, dass das heutige System genüge.

Nicole Holderegger plädiert ebenso für Frühförderung und zusätzlich für eine funktionierende KESB. Ein brisanter Vorschlag zur 13. AHV aus dem Publikum bringt einige auf dem Podium kurz aus dem Konzept: Alle, die finanziell nicht auf die zusätzliche Rente angewiesen sind, sollen sie spenden. Diesem Vorschlag kann sogar FDP-Politiker Felix Helg etwas abgewinnen, wenn auch nur, wenn es «jedem freigestellt» bliebe.

An der Bar gehen nach dem offiziellen Teil des Podiums die Diskussionen zwischen Jung und Alt weiter. Dass damit ein Beitrag zur Verkleinerung des Generationengrabens geleistet wird, gerät im lebhaften Austausch fast in Vergessenheit.

Wie wir am Freitag berichtet haben, entsteht an der Zürcherstrasse ein rund 60 Meter hohes Hochhaus. Dabei ist uns ein Fehler unterlaufen: Das geplante Gebäude befindet sich nicht im Gebiet Grüze und nicht in unmittelbarer Nähe eines Bahnhofs. Richtig ist: Das Gebäude soll neben dem Brühlgutpark entstehen. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen!

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Rubrik: Was lauft?
  • Neuer Kebabladen in der Marktgasse geplant: Wie der Landbote berichtet, eröffnet das Gastro-Unternehmen «Mit & ohne» demnächst ein neues Kebab-Lokal in der Winterthurer Marktgasse, direkt beim Unteren Graben. Der Standort wurde zuvor von Carl’s Junior genutzt. Die ursprünglich auf den 14. Februar geplante Eröffnung soll sich um rund eine Woche verschieben. Winterthur reiht sich damit neben Zürich und St. Gallen als weiterer Standort der erfolgreichen Kette ein. In Winterthur haben in letzter Zeit mehrere neue Kebabläden eröffnet. So ist unter anderem der Rosen-Kebab beim Lagerplatz eingezogen.


  • Studie zeigt Optimierungspotenzial im Wirtschaftsverkehr: Eine neue Studie der Stadt zeigt, wie der Wirtschaftsverkehr effizienter und stadtverträglicher gestaltet werden kann. Die Untersuchung liefert erstmals umfassende Daten zu Liefer-, Bau- und Transportverkehr, wie die Stadt mitteilt. Besonders auffällig: Der Onlinehandel verursacht rund ein Viertel der Fahrten, macht aber weniger als ein Prozent der transportierten Gütermenge aus. Die Ergebnisse sollen in die städtische Mobilitätsstrategie einfliessen, etwa durch gezielte Priorisierung oder angepasste Parkplatzkonzepte.


  • Ehrlicher Finder gibt Tasche mit 7000 Franken zurück: Am Sonntagnachmittag fand ein Zugpassagier eine vergessene Tasche mit Ausweisen und rund 7000 Franken Bargeld in einem Zug und brachte sie umgehend zur Polizei. Wie die Stadtpolizei berichtet, meldete sich fast gleichzeitig die Besitzerin bei einer Patrouille – in grosser Sorge um ihr Eigentum. Dank der schnellen Reaktion des ehrlichen Finders konnte die Tasche kurze Zeit später unversehrt zurückgegeben werden.


  • EHC Winterthur verpasst Playoffs endgültig: Der EHC Winterthur hat nach der 2:7-Niederlage beim HC Thurgau die letzte Chance auf die Playoffs der Swiss League verspielt. Wie der Verein schreibt, fand das Team «keinen Zugriff auf das Spiel» und blieb vor allem defensiv unter den Erwartungen. Damit ist das Saisonziel auch rechnerisch nicht mehr erreichbar.


  • Brandverursacher vom Schützenweiher verurteilt: Wie der Landbote schreibt, ist der Mann, der im Juli 2024 beim Camping Schützenweiher einen Grossbrand mit einem Gasbrenner verursacht hatte, nun verurteilt worden. Der 41-jährige Franzose hatte bei Reinigungsarbeiten versehentlich ein Feuer ausgelöst, das mehrere Wohnwagen und Bungalows zerstörte. Das Bezirksgericht Winterthur verurteilte ihn zu einer bedingten Geldstrafe und einer Busse.

Rubrik: Winti weiss

Als Winterthurs Jugend die Politik eroberte

In den 1960er-Jahren sah sich die Stadt Winterthur mit einem überalterten Stadtparlament konfrontiert – das Durchschnittsalter der Mitglieder lag bei etwa 55 Jahren. In Reaktion darauf gründete sich im Jahr 1966 die junge politische Gruppierung «Junge Löwen», die das Ziel verfolgte, mehr politische Mitsprache für junge Menschen zu erwirken. Die Bewegung verstand sich als parteiunabhängig, pragmatisch und progressiv, und sie traf mit ihrem Anliegen den Nerv der Zeit.

Bereits im Jahr ihrer Gründung errangen die «Jungen Löwen» vier Sitze im Winterthurer Gemeinderat, ein bemerkenswerter Erfolg für eine neue Wählergruppe. Besonders symbolträchtig war die Wahl von Manfred Stahel, der mit nur 24 Jahren zum damals jüngsten Gemeinderat der Schweiz wurde. Durch ihre Arbeit und Präsenz im Parlament sorgten die Jungen Löwen nicht nur für einen personellen, sondern auch für einen thematischen Wandel: Bildungspolitik, Jugendanliegen und neue Beteiligungsformen rückten verstärkt in den Fokus der Stadtpolitik.

Die Partei blieb zwar nur bis 1974 aktiv, doch ihre Wirkung reichte über das eigene Bestehen hinaus. Sie regte die etablierten Parteien dazu an, selbst vermehrt junge Kandidierende zu fördern – und sie zeigte auf, dass Generationenvielfalt in der Politik nicht nur möglich, sondern auch nötig ist.

Bis 1968: Gemeinderatssaal im Rathaus (Bild: winbib, Otto Engler)

Mir begegnet der Generationengraben ständig. Ob beim Smalltalk über Homeoffice, beim Streit um den Thermostat im Grossraumbüro oder bei der Diskussion, ob Emojis witzig oder unangebracht sind. Der Generationengraben ist allgegenwärtig. Mal sorgt er für Augenrollen, mal für Lacher und manchmal auch für echte Gespräche.

Einen guten Start in die nächste Woche!

Herzlichst
Marit

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