|
| | Guete Morge An manchen Tagen würde ich lieber den ganzen Tag zu Hause rumhängen und nichts tun. Heute geht es um eine Person, die genau das nicht mehr will. Und um viele andere, die weniger privilegiert sind als ich. Wir schauen auf den Flüchtlingstag, in die Stadt und ich sage tschüss. Aber erst am Schluss.
|
|
|
| |
| Hadisa Hosseini hofft darauf, dass sie in der Schweiz bleiben und hier eine Lehre machen darf. (Bild: Maria Wyler) |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
| Nach der Flucht beginnt das Warten |
|
| Kommenden Samstag findet auf dem Kirchplatz zum zweiten Mal der Anlass «Beim Namen nennen» zum internationalen Flüchtlingstag statt. Im Zentrum stehen geflüchtete Menschen und ihre Geschichten – Viele wissen noch nicht, wie diese ausgehen werden. Nach der Flucht heisst es oft: Warten. |
|
| Auch die Afghanin Hadisa Hosseini wartet. Sie ist vor viereinhalb Jahren aus dem Iran nach Griechenland und von dort in die Schweiz geflüchtet, hat ihre Heimat und ihre Familie verlassen. «Am Anfang war alles sehr neu und überraschend. Die Regeln, wie sich die Menschen verhalten – die Pünktlichkeit.» Ihr Deutsch ist auffallend gut, die 28-Jährige wirkt sehr ruhig und überlegt und drückt sich gewählt aus: «Hier sind die Menschen respektvoll und höflich und Einsatz wird geschätzt. Leider erleben viele Afghan:innen im Iran von Kindheit an Diskriminierung und Ausgrenzung, trotz grosser Motivation und harter Arbeit. Hier zählt der eigene Mut und man kommt dank Fairness und Ordnung entsprechend seiner Leistung voran.» |
|
| | «Das Wort Zuhause bedeutet für mich Ruhe, Privatsphäre und keine Probleme. Jetzt ist es umgekehrt.» Hadisa Hosseini |
|
| |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
| Mit ihrem Mann, ebenfalls Afghane, wohnt Hadisa in Bassersdorf. Als sie dort nach ihrem B1-Abschluss von der Gemeinde nicht weiter im Deutschlernen unterstützt wurde, erzählte ihr ein Freund von Deutschintensiv Solinetz Winterthur. Der unabhängige Verein mit Sitz am Unteren Graben ist Mitorganisator des Flüchtlingstages diesen Samstag. Er bietet Geflüchteten Deutschkurse bis zum zweithöchsten Niveau C1. «Gegenwärtig unterrichten etwa 130 Freiwillige um die 170 Schüler:innen. Wir unterrichten immer zu zweit und in jedem Kurs gibt es Wartelisten», so Markus Egli, Vizepräsident und Deutschlehrer bei Solinetz. Der ehemalige Seklehrer und SRF-Journalist verfasste fürs Winterthurer Jahrbuch 2023 einen tieferen Einblick in die Arbeit des Vereins. Zum Konzept gehört, dass Geflüchtete andere Geflüchtete unterrichten. Der Verein bezahlt nicht nur das Schulgeld, sondern oft auch die ÖV-Tickets für die Kursteilnehmenden, wenn diese nicht eine Gemeinde übernimmt. 56’000 Franken sind fürs nächste Jahr nur für ÖV-Kosten budgetiert. Zudem hilft er den Geflüchteten bei der Integration. |
|
|
| Winterthur sei sozusagen ihre zweite Heimat in der Schweiz, so Hadisa. Trotz allen Schwierigkeiten schaut sie positiv in die Zukunft. (Bild: Maria Wyler) |
|
| Auch Hadisa und ihr Mann bekamen diese Unterstützung. Heute lehrt Hadisa selbst zweimal die Woche bei Solinetz Winterthur Deutsch. Zudem arbeitet sie für die Organisation «Wild Flower». Diese unterrichtet Mädchen und Frauen in Afghanistan – online und streng geheim. Seit die Taliban die Macht übernommen haben, wurde den Frauen unter anderem das Recht genommen, die Schule zu besuchen. Über Mund-zu-Mund-Werbung erfahren sie von dem Angebot und melden sich per WhatsApp bei Hadisa. «Momentan habe ich etwa 600 unbeantwortete Nachrichten auf meinem Handy», erzählt sie. Aufgrund von Motivation, Voraussetzungen und Niveau bekommen die Bewerberinnen einen Platz. Hadisa organisiert ihnen den Termin für das Interview. «Wir bezahlen auch für das Internet», so die Afghanin. Es gebe viel Arbeit. Nebenher bringt sie sich selbst Fachwissen im Bereich Informatik bei. Im Moment würde sie am liebsten in diesem Bereich arbeiten. |
|
| | «Die Freunde, die wir hier gefunden haben, sind für uns wie eine Familie.» Hadisa Hosseini |
|
| |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
| Nach zwei negativen Entscheiden, gegen welche sie Rekurs eingereicht hat, wartet Hadisa nun auf das Bundesverwaltungsgericht. Das ständige Warten, die Ungewissheit und der damit verbundene psychische Druck seien von allem das Schlimmste, sagt sie. Im Iran arbeitete sie nach der Matura in einer Apotheke. Nebst dem grossen Wunsch, eine Lehre machen zu können, ist da die Wohnsituation. Das Paar wohnt in einer Wohngemeinschaft mit anderen Geflüchteten – gleiche Situation, verschiedene Kulturen. «Man hört alles voneinander», erzählt Hadisa: «Wir hatten beide psychische Probleme und traumatische Erlebnisse, die wir verarbeiten mussten. Das Wort Zuhause bedeutet für mich Ruhe, Privatsphäre und keine Probleme. Jetzt ist es umgekehrt. Das Zuhause ist kein ruhiger Platz.» Wenn sie Ruhe brauche, gehe sie in die Natur, Velo fahren oder spazieren. «Ich konnte schon im Iran Velo fahren. Aber hier bin ich ein bisschen Veloprofi geworden», meint sie lachend. Zu ihrer Familie in Teheran hat Hadisa wann immer möglich regelmässigen Kontakt. Sie habe Angst um sie, sagt sie. Aber schwierig finde sie auch, dass sie sich selbst so verändert habe, ohne dass ihre Mutter das miterleben konnte. Trotzdem – die Schweiz sei zu einem zweiten Zuhause geworden. «Die Freunde, die wir hier gefunden haben, sind für uns wie eine Familie», so Hadisa. |
|
| | |
| Miteinander am Flüchtlingstag am 20. Juni auf dem Kirchplatz in Winterthur Am 20. Juni findet auf dem Kirchplatz in Winterthur der Flüchtlingstag statt. Im Fokus steht das Miteinander von Menschen mit und ohne Fluchterfahrung. Bei der Aktion «Beim Namen nennen» gedenken wir Menschen, die auf der Flucht gestorben sind; Besucher:innen schreiben ihre Namen und bringen sie am Mahnmal an. Ein vielfältiges Rahmenprogramm mit Musik, Tanz und Gesprächen, eine Kunstinstallation in den Bäumen und zahlreiche Begegnungsmöglichkeiten machen das Thema Flucht für die Besucherinnen und Besucher greifbar. |
|
| |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
| | | | Tätigkeitsbericht der FSEG liegt vor
Die Leistungen der Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention würden von immer mehr Menschen in Anspruch genommen, schreibt die Stadt. 2024 und 2025 seien so viele Beratungen wie nie zuvor rund um Radikalisierung, Extremismus und Gewalt durchgeführt worden. Auch in mehr Fällen als in den Vorjahren hätten Hinweise auf eine Gewaltbereitschaft oder Selbstgefährdung bestanden, so dass die Stadtpolizei einbezogen wurde. Die FSEG kümmert sich primär um Anfragen aus der Stadt Winterthur, berät aber auch Personen von ausserhalb. Aktuell beschäftige sie sich mit Fragen rund um problematische Männlichkeitsbilder und rücke digitale Radikalisierungsräume stärker in den Fokus. |
|
| | Sigristenhaus kann saniert werden: Mit über 80 Prozent Ja-Stimmen genehmigten die reformierten Stimmberechtigten der Kirchgemeinde einen Kredit von 2,3 Millionen Franken zum Umbau der Liegenschaft am Kirchplatz 3. Am deutlichsten Nein der sieben Kreise sagte Töss, dort war rund jede:r Dritte gegen die Sanierung des «Sigristenhauses». (tz) Unterschriften gegen Richtplan eingereicht: Im April verabschiedete das Parlament den neuen Richtplan. Er zeigt auf, wie sich die Stadt in Zukunft baulich entwickeln soll ‒ oder eben nicht. Letztere Meinung vertraten im Parlament SVP, FDP und Mitte. Sie ergreifen nun das Referendum, gestern reichte ein Komitee aus den Parteien die dafür nötigen Unterschriften bei der Stadtkanzlei ein. Die Bürgerlichen sehen in dem beschlossenen Planungsinstrument zu viele Vorschriften etwa beim Wohnungsbau, «konkrete Perspektiven für den öffentlichen Verkehr» oder einen «verantwortungslosen Umgang mit Kulturland». (tz)
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
| Stadtmuur im Sommervibe
 | Stadtmuur im Sommervibe Der Integrationsbetrieb «Stadtmuur» mit Restaurant und Catering im Oberen Graben befindet sich gerade im Pop-up-Modus. Bis Mitte Juli gibt es statt dem klassischen Mittagsmenü drei Stationen für Pizza, Panini und Pasta. «Wir wollen damit einerseits die Sommerzeit zelebrieren, aber auch unsere Mitarbeitenden in ihrer Selbstwirksamkeit fördern. Sie sind jeweils alleine für ihre Station zuständig, kommen dadurch in Kundenkontakt und müssen Verantwortung übernehmen. Sie dürfen auch direkt Komplimente an vorderster Front absahnen», sagt Geschäftsführer Tom Meili. Die Mitarbeitenden mit Unterstützungsbedarf im beruflichen und sozialen Bereich finden ihren Weg über zuweisende Stellen wie soziale Dienste oder Gemeinden in seine Küche. |
|
|
| Geschäftsführer Tom Meili in seinem Sommergarten. Chefkoch Michele hat sogar einen eigenen Stadtmuur-Sommersong kreiert. (Bild: Maria Wyler) |
|
| Für das Sommergefühl sorgen nebst dem südländischen Menüplan Pflanzen im Innenhof und im Restaurant, die eigens für das Pop-up von Vedge and the City gegenüber zur Verfügung gestellt wurden. Ergänzend zur üblichen Gratis-Wasser-Station gibt es zudem eine Auswahl an Sommergetränken von lokalen und anderen Schweizer Herstellern. «Nachdem er in Zürich eine Dreiviertelstunde bei der Berner «Gelateria Di Berna» in der Schlange gestanden hatte, wollte unser Koch zudem unbedingt deren Glacé bei uns», erzählt Meili. Und hat sie bekommen. Das Sommer Pop-up findet noch bis zum 11. Juli statt. |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
| | | Und zum Schluss wird es noch ein bitzeli sentimental – zumindest für mich. Das, liebe Stadt, war mein vorerst letzter Wintibrief an dich. Ich verlasse die Redaktion, um nochmals die Schulbank zu drücken. Hab Dank fürs treue Lesen und sei lieb gegrüsst. Man sieht sich ja immer zweimal im Leben. Und in Winterthur sowieso. Tschüss, deine Maria |
|
| |
|
|
|
| |
|