Zwei Stunden Schlange stehen, um die eigene Stimme abzugeben: Für Nikolina Pantić war das ein ungewohntes Bild. Laut einer Statistik der Stadt Winterthur leben rund 1200 Serb:innen in Winterthur. Viele von ihnen reisten vergangenen Sonntag nach Zürich, um ihre Stimme für die Parlamentswahl abzugeben. Der grosse Andrang ist für die 28-jährige Journalistin ein Zeichen dafür, wie aufmerksam die Diaspora die politische Entwicklung im alten Heimatland verfolgt und wieviele Menschen etwas bewegen möchten. Pantić lebt in Winterthur, ihre Eltern stammen aus Serbien.
Dort schrieb die Wahl am vergangenen Sonntag Geschichte. Die oppositionelle «Studentska Lista», die aus einer studentischen Protestbewegung hervorgegangen war, gewann die Parlamentswahl mit rund 53 Prozent der Stimmen. Die Liste der Serbischen Fortschrittspartei (SNS) unter Aleksandar Vučić kam auf rund 39 Prozent. In der Schweiz haben fast 88 Prozent die oppositionelle Studentenliste gewählt. Mit 140 der 250 Parlamentssitze verfügt diese nun über eine absolute Mehrheit.
Fast zwei Jahre Proteste gingen der Wahl voraus. Ihren Anfang hatten sie nach dem Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad am 1. November 2024. 16 Menschen kamen dabei ums Leben. Kritiker:innen machten Korruption und Versäumnisse bei der Renovierung des Bahnhofs für die Katastrophe verantwortlich.
Eine Wahl, die auch in Winterthur ankommt
Die serbische Community gehört zu den zehn grössten ausländischen Gruppen der Stadt. «Zu Hause sprechen wir etwa zur Hälfte Serbisch und zur Hälfte Deutsch», erzählt Nikolina Pantić. Sie hat die Entwicklungen in ihrem zweiten Heimatland intensiv verfolgt. Schon vor dem Wahltag bemerkte Pantić, wie sich Menschen aus der Region für die Protestbewegung interessierten. Auch in ihrem persönlichen Umfeld sei die Wahl in Serbien immer wieder Gesprächsthema gewesen.
Überrascht habe Pantić vor allem, wie schnell Vučić seine Niederlage am Wahlabend einräumte. Dass die Studierendenbewegung gewinnen könnte, hätten zwar einige erwartet. Das deutliche Resultat sei dennoch bemerkenswert gewesen.
Auf unsere Anfrage mit der Bitte um persönliche Einschätzungen meldeten sich nur wenige Personen zurück. Mehrere wollten anonym bleiben. Für Pantić ist diese Zurückhaltung nachvollziehbar. «Viele Serb:innen sind sehr vorsichtig, wenn es darum geht, ihre politische Meinung zu äussern.» Das hänge auch mit ihren Erfahrungen in Serbien zusammen. Wer aus einem Land komme, in dem die Pressefreiheit eingeschränkt sei und unabhängige Medien nur schwer Zugang zum Publikum fänden, entwickle unter Umständen ein anderes Verhältnis zur öffentlichen Meinungsäusserung.
Die Sprachkenntnisse der Journalistin ermöglichen ihr einen direkten Zugang zu serbischen Medien und Diskussionen. «Wenn du dich in Serbien nur über die klassischen Nachrichten informierst, bekommst du vieles von dem, was auf den Strassen passiert, gar nicht mit», sagt Pantić. Deshalb spielten soziale Medien für die Protestbewegung eine wichtige Rolle. Junge Menschen teilten dort Bilder, Videos und Informationen, über die andere Medien kaum oder nur eingeschränkt berichteten. Gerade für Menschen ausserhalb Belgrads sei das entscheidend gewesen.
Eine junge Generation räumt auf
«Junge Menschen räumen Strassen auf, entfernen Graffiti und übermalen politische Propaganda», erzählt Pantić. Wo früher Botschaften und Bilder aus dem Umfeld der Regierung dominierten, gestalten Street-Art-Künstler:innen neue Flächen. Ein Engagement, welches auch Nikolina Pantić beeindruckt. Dass diese Veränderungen nicht nur über soziale Medien sichtbar werden, zeigen auch Fotos, die ein Leser unserer Redaktion geschickt hat.
Frieder Braun hält sich beruflich regelmässig in Belgrad auf und arbeitet dort mit der Weltausstellung Expo an verschiedenen Projekten. Bei seinen morgendlichen Laufrunden in der vergangenen Woche beobachtete er, wie sich junge Menschen im öffentlichen Raum engagierten.